Das
Luaverde-Porträt: Fernando Pessoa
Er
ist einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts und
er erscheint als einer der einsamsten Dichter überhaupt, als
einer, der sich in seiner Einsamkeit ein eigenes Universum geschaffen
hat: die Heteronyme, die selbst wiederum geschrieben haben, Dichter
waren. So entstand aus dem Mangel ein Werk von unfassbarer literarischer
Fülle. Pessoa lesen, heißt auch sich auf die Suche nach
dem Menschen hinter den Masken zu begeben.
Lissabon
im Sommer 2005. Ein bißchen ist es so, als sei Pessoa gerade
noch hier gewesen. Die junge Mitarbeiterin des Zeitungsladens in der
Rua do Arsenal strahlt auf die Frage, ob der Dichter hier immer die
ausländische Presse gekauft habe. Und sie sagt: oh ja, hier ist
er immer hingekommen. Es ist lange her, doch Pessoas unsichtbare Spuren
verwischen nicht. Er, von dem seine Braut einst sagte, dass er bei
ihrer ersten Begegnung in einem Büro in der Baixa beim Hinaufgehen
der Treppe die Stufen scheinbar nicht berührt habe. Er, der so
flüchtig und vielgestaltig war, dass der italienische Schriftsteller
Antonio Tabucchi sich mit ihm im Roman "Lissabonner Requiem"
um Mitternacht verabredete, um mit dem Geiste Pessoas im Restaurant
"Alcântara Café" zu speisen. Eine Verabredung
mit einem, der viele Spuren hinterlassen hat, und über dessen
Leben und Persönlichkeit man doch nur rätseln kann.
Fernando
Pessoa, geboren am 13. Juni 1888, im Haus gegenüber der Oper
São Carlos, starb am 30. November 1935 im Hospital de São
Luís dos Franceses im Bairro Alto im Alter von 47 Jahren. Aber
dies ist kein verspäteter Nachruf, sondern eine Spurensuche anhand
seiner Werke. Und diese sollen zunächst in einer Auswahl vorgestellt
werden.
Mein
Lissabon. Was der Reisende sehen sollte
Dies
ist ein kleines Buch von ganz eigenem Charme. Es richtete sich offensichtlich
an den klassischen Bildungsreisenden und Pessoa führte ihn in
einem Tag durch Lissabon und Belém, zu allen erdenklichen Sehenswürdigkeiten,
nur nicht an jene Orte, an denen er selbst verkehrte. Dabei beschrieb
er fast alles, was der Reisende sehen sollte, minutiös und manchmal
mit Kommentaren oder Schilderungen versehen, in denen sich Pessoas
eigenes Erleben spiegelte, wie in der Passage, in der er die Ankunft
per Schiff beschreibt. In der schönen Edition des Ammann Verlages
wird dieser Reiseführer ergänzt durch einen Teil, der das
Lissabon zeigt, in dem sich der große, scheue Schriftsteller
bewegt hat: mit zahlreichen historischen Bildern, knappen erklärenden
Texten und entsprechenden Zitaten aus Pessoas Werken. Damit wird es
zu einem hervorragenden Begleiter für Reisende, die auf Pessoas
Spuren durch Lissabon flanieren möchten.
Fernando
Pessoa: Mein Lissabon. Was der Reisende sehen sollte. Ammann Verlag
2001, ISBN 3-250-30007-1
Das
Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares
Es
ist eines der merkwürdigsten Bücher der Weltliteratur. In
der Person des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares beschreibt Pessoa
in Fragmenten das Denken, Fühlen und Wahrnehmen dieses Menschen,
voller Widersprüchen und Paradoxien, wie sie Pessoa zueigen waren.
Es ist ein Universum der Einsamkeit, geschrieben meist unter Qualen,
in schlaflosen Nächten, abgeschnitten vom Leben, voller Sehnsucht
nach dem Leben, um dann im nächsten Augenblick wieder erfüllt
zu sein von Lebensüberdruß und Ekel, mit kleinen Momenten
des Glücks im Alltag, ... manches deutet daraufhin, dass Pessoa
hier von seiner eigenen Welterfahrung schreibt, aber es wäre
verfehlt, Pessoa mit Soares gleichzusetzen. Das hieße, ihn,
der so vielgestaltig war, zu reduzieren.
Pessoa
hat an dem Buch der Unruhe mehr als 20 Jahre gearbeitet und
die oft handgeschriebenen Manuskripte teils mit Datum versehen, teils
ohne Datum in einer großen Truhe aufbewahrt, um sie eines Tages
zu ordnen und zu veröffentlichen. Man kann davon ausgehen, dass
er gespürt haben muss, dass seine Zeit begrenzt war, und so in
den letzten Lebensjahren unter einem ungeheuren Schaffensdruck geschrieben
hat, ohne die Zeit, das Geschriebene zu ordnen und zu veröffentlichen.
Einzig der Gedichtband Mensagem (Botschaft) erschien, neben
zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften, im Jahr 1934.
Der Großteil des Werkes wurde erst nach seinem Tod editiert
und das Buch der Unruhe erschien erst 47 Jahre nach Pessoas
Tod. Es ist bis heute eine Herausforderung für die Wissenschaft,
denn es gibt keine Hinweise Pessoas zu einer schlüssigen Anordnung.
Der amerikanische Literaturkritiker und Übersetzer Richard Zenith
widmet sich seit Jahren dem bis heute nicht vollständig veröffentlichten
Werk des Dichters, Schriftstellers und philosophischen Denkers Fernando
Pessoa. Ihm ist die jüngste Ausgabe des Buch der Unruhe
zu danken, das auch maßgeblich für die erste vollständige
Übersetzung ins Deutsche war, erschienen im Ammann Verlag 2003
im Rahmen der Gesamtausgabe Fernando Pessoa und übersetzt von
Inés Koebel. Wie soll man dieses Werk von 534 Seiten lesen?
Vielleicht so fragmentarisch, wie Pessoa es geschrieben hat, mal hier,
mal dort.
Fernando
Pessoa: Das Buch der Unruhe. Ammann Verlag 2003, ISBN 3-250-10450-7
Briefe
an die Braut
Die
Liebesbriefe Pessoas an Ophelia Queiroz sind unendlich anrührend,
zumal wenn man sein literarisches Werk kennt. Sie zeigen einen anderen
Menschen, und damit tun sich viele Fragen auf, auch für die Forscher.
Was hat diesen großen Dichter zu solchen Briefen bewogen: so
gefühlvoll, kindlich-kindisch, albern, verspielt, zärtlich
wie man den Dichter sonst nicht kennt, so als hätte ihn diese
Verliebtheit anfangs fast um den Verstand gebracht. Das befremdete
viele Pessoa-Kenner und führte zu der Frage, welchen Stellenwert
diese Liebesgeschichte in seinem Leben eingenommen hat und wie ernst
es Pessoa damit war. Und dann gab es noch den berühmten Dritten
in dieser Liebesbeziehung: das Heteronym Alvaro de Campos, der Ophelia
mit wenig Wertschätzung gegenübertrat, was Ophelia wiederum
zu der Forderung an Pessoa veranlaßte, diesen "Freund"
gefälligst wegzuschicken, wenn er mit ihr korrespondiere. Doch
gerade Alvaro de Campos ist es, der kurz vor Pessoas Tod ein Gedicht
schreibt, das noch einmal an diese einzige Liebesgeschichte im Leben
des Dichters rührt. Darin heißt es, alle Liebesbriefe seien
lächerlich ... sie wären nicht Liebesbriefe, wären
sie nicht lächerlich. Und am Ende spricht er von der Sehnsucht
nach jenen Zeiten, in denen er Liebesbriefe schrieb.
Die
Briefe an die Braut sind ergänzt durch Erinnerungen Ophelias,
die sie im Alter ihrer Großnichte anvertraut hat. Sie zeichnen
ein noch klareres Bild dieser Liebesgeschichte und ihres Scheiterns.
Und sie zeigen auch, dass Pessoa letztlich dieses private Glück
seinem Lebenswerk, der Literatur, geopfert hat. Fernando Pessoa: Briefe
an die Braut. Ammann Verlag, ISBN
3250102229
Fernando
Pessoa ist auf seine Weise auch präsent in zwei Stadtspaziergängen,
die Luaverde in Lissabon anbietet: einmal in dem Spaziergang "Fernando
Pessoa" und in dem Spaziergang "Lissabon im Mondschein"
mit Auszügen aus seinen Werken. Weitere Informationen dazu finden
Sie unter Spaziergänge durch Lissabon.
Die
Bildleiste oben zeigt:
den Amado Strand, © Antonio Sacchetti
Monsaraz, © José Manuel
Kloster Batalha, © Antonio Sacchetti
die Serra de Estrella, © Paulo Magalhães
und
Faro, ©Antonio Sacchetti