Das Luaverde-Porträt:

Fernando Pessoa

Er ist einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts und er erscheint als einer der einsamsten, einer, der sich in seiner Einsamkeit ein eigenes Universum geschaffen hat: die Heteronyme, die selbst wiederum geschrieben haben, Dichter waren, Persönlichkeiten mit einer eigenen Biografie. So unsterblich wie Pessoa durch seine Gedichte, sein Werk.


Er selbst hat einmal geschrieben, es sei ganz leicht, seine Biografie zu schreiben. Da gebe es ein Geburts- und ein Todesdatum. "Die Tage dazwischen gehören alle mir". Tja, so kann es also keine Biografie geben, oder? Und wenn ja, wäre es eine nur über Pessoa? Was würde mit den wichtigen literarischen Heteronymen passieren - Alvaro de Campos, Alberto Caeiro, Ricardo Reis - die für ihn zweifelsohne existierten, auf ihre und seine Weise, und für die die Wissenschaft den Begriff der "drama em gente" gefunden hat. Sich auf Pessoa einzulassen, ist alles andere als leicht und so hat er sich das wohl auch vorgestellt. Denn warum sollte es für einen Außenstehenden leichter sein als für ihn selbst, der über sich gesagt hat: Ich bin, der ich nicht zu sein vermochte.

Schwebend, flüchtig, gerade hier und schon wieder woanders, aber doch in Lissabon präsent, immer noch, zum Beispiel:

Lissabon im Sommer 2005.
Ein bißchen ist es so, als sei Pessoa gerade noch hier gewesen. Die junge Mitarbeiterin des Zeitungsladens in der Rua do Arsenal strahlt auf die Frage, ob der Dichter hier immer die ausländische Presse gekauft habe. Und sie sagt: oh ja, hier ist er immer hingekommen. Sie sagt es so, als hätte er gestern noch kurz vorbei geschaut, im dunklen Anzug, mit Hut und Brille, die Zigarette in der Hand.

Lange ist es her, doch Pessoas unsichtbare Spuren verwischen nicht. Er, von dem Ophelia Queiroz einst sagte, dass er bei ihrer ersten Begegnung in einem Büro in der Baixa beim Hinaufgehen der Treppe die Stufen scheinbar nicht berührt habe. Er, der so flüchtig und vielgestaltig war, dass der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi sich mit ihm im Roman "Lissabonner Requiem" um Mitternacht verabredete, zur Geisterstunde, um mit dem Geist Pessoas im Restaurant "Alcântara Café" zu speisen.

Fernando Pessoa, geboren am 13. Juni 1888, im Haus gegenüber der Oper São Carlos, starb am 30. November 1935 im Hospital de São Luís dos Franceses im Bairro Alto im Alter von 47 Jahren. Wir begeben uns hier auf eine Spurensuche anhand seiner Werke. Und diese sollen zunächst in einer kleinen Auswahl vorgestellt werden.


Pessoa: Mein LissabonMein Lissabon. Was der Reisende sehen sollte

Dies ist ein kleines Buch von ganz eigenem Charme. Es richtete sich offensichtlich an den klassischen Bildungsreisenden und Pessoa führte ihn in einem Tag durch Lissabon und Belém, zu allen erdenklichen Sehenswürdigkeiten, nur nicht an jene Orte, an denen er selbst verkehrte. Dabei beschrieb er fast alles, was der Reisende sehen sollte, minutiös und manchmal mit Kommentaren oder Schilderungen versehen, in denen sich Pessoas eigenes Erleben spiegelte, wie in der Passage, in der er die Ankunft per Schiff beschreibt. In der schönen Edition des Ammann Verlages wird dieser Reiseführer ergänzt durch einen Teil, der das Lissabon zeigt, in dem sich der große, scheue Schriftsteller bewegt hat: mit zahlreichen historischen Bildern, knappen erklärenden Texten und entsprechenden Zitaten aus Pessoas Werken. Damit wird es zu einem hervorragenden Begleiter für Reisende, die auf Pessoas Spuren durch Lissabon flanieren möchten.

Fernando Pessoa: Mein Lissabon. Was der Reisende sehen sollte. Ammann Verlag 2001, ISBN 3-250-30007-1


Pessoa: Das Buch der UnruheDas Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

Es ist eines der merkwürdigsten Bücher der Weltliteratur. In der Person des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares beschreibt Pessoa in Fragmenten das Denken, Fühlen und Wahrnehmen dieses Menschen, voller Widersprüchen und Paradoxien, wie sie für Pessoa charakteristisch waren. Es ist ein Zeugnis absoluter Einsamkeit, einer Einsamkeit, die innen ist, trotz aller Begegnungen außen nicht zu durchbrechen. Die Hauptfigur, der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, oszilliert zwischen Lebenshunger, Sehnsucht nach Leben und auf der anderen Seite Rückzug, Lebensunfähigkeit, Überdruß und Ekel, mit kleinen Momenten des Glücks im Alltag, mit großen Gedanken inmitten der Einsamkeit, die sich im nächsten Moment wieder ganz gegen den Schreibenden richten, ihn vernichtend, ihm sein elementares Scheitern verdeutlichend. Manches deutet darauf hin, dass Pessoa hier von seiner eigenen Lebenswelt-Erfahrung schreibt. Er selbst hat einmal gesagt: "Soares ist ich, allerdings ohne mein Denkvermögen und ohne meine Emotionalität."

Pessoa hat an dem Buch der Unruhe mehr als 20 Jahre gearbeitet und die oft handgeschriebenen Manuskripte teils mit Datum versehen, teils ohne Datum in einer großen Truhe aufbewahrt. Man kann davon ausgehen, dass er das Nahen des Todes gewissermaßen gespürt hat und so in den letzten Lebensjahren unter einem ungeheuren Schaffensdruck geschrieben hat, ohne Zeit, das Geschriebene zu ordnen und zu veröffentlichen. Einzig der Gedichtband Mensagem (Botschaft) erschien, neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften, im Jahr 1934. Der Großteil des Werkes wurde erst nach seinem Tod editiert und das Buch der Unruhe erschien erst 47 Jahre nach Pessoas Tod. Es ist bis heute eine Herausforderung für die Wissenschaft, denn es gibt keine Hinweise des Dichters zu einer schlüssigen Anordnung. Der amerikanische Literaturkritiker und Übersetzer Richard Zenith widmet sich seit Jahren dem bis heute nicht vollständig veröffentlichten Werk des Dichters, Schriftstellers und philosophischen Denkers Fernando Pessoa. Ihm ist die jüngste Ausgabe des Buch der Unruhe zu danken, das auch maßgeblich für die erste vollständige Übersetzung ins Deutsche war, erschienen im Ammann Verlag 2003 im Rahmen der Gesamtausgabe Fernando Pessoa und übersetzt von Inés Koebel. Wie soll man dieses Werk von 534 Seiten lesen? Vielleicht so fragmentarisch, wie Pessoa es geschrieben hat, mal hier, mal dort.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe. Ammann Verlag 2003, ISBN 3-250-10450-7


Briefe an die Braut

Die Liebesbriefe Pessoas an Ophelia Queiroz sind unendlich anrührend, zumal wenn man sein literarisches Werk kennt. Sie zeigen einen anderen Menschen, und damit tun sich viele Fragen auf, auch für die Forscher. Was hat diesen großen Dichter zu solchen Briefen bewogen: so gefühlvoll, kindlich-kindisch, albern, verspielt, zärtlich wie man den Dichter sonst nicht kennt, so als hätte ihn diese Verliebtheit anfangs fast um den Verstand gebracht. Das befremdete viele Pessoa-Kenner und führte zu der Frage, welchen Stellenwert diese Liebesgeschichte in seinem Leben eingenommen hat und wie ernst es Pessoa damit war. Und dann gab es noch den berühmten Dritten in dieser Liebesbeziehung: das Heteronym Alvaro de Campos, der sich Ophelia gegenüber recht abfällig über seinen Freund Pessoa ausließ, was Ophelia wiederum zu der Forderung an Pessoa veranlaßte, diesen "Freund" gefälligst wegzuschicken, wenn er mit ihr korrespondiere. Doch gerade Alvaro de Campos ist es, der kurz vor Pessoas Tod ein Gedicht schreibt, das noch einmal an diese einzige Liebesgeschichte im Leben des Dichters rührt. Darin heißt es, alle Liebesbriefe seien lächerlich ... sie wären nicht Liebesbriefe, wären sie nicht lächerlich. Und am Ende spricht er von der Sehnsucht nach jenen Zeiten, in denen er selbst Liebesbriefe schrieb, lächerliche.

Die Briefe an die Braut sind ergänzt durch Erinnerungen Ophelias, die sie im Alter ihrer Großnichte anvertraut hat. Sie zeichnen ein noch klareres Bild dieser Liebesgeschichte und ihres Scheiterns. Und sie zeigen auch, dass Pessoa letztlich dieses private Glück seinem Lebenswerk, der Literatur, geopfert hat. Fernando Pessoa: Briefe an die Braut. Ammann Verlag, ISBN 3250102229

Fernando Pessoa ist auf seine Weise auch präsent in zwei Stadtspaziergängen, die Luaverde in Lissabon anbietet: einmal in dem Spaziergang "Fernando Pessoa" und in dem Spaziergang "Lissabon im Mondschein" mit Auszügen aus seinen Werken. Weitere Informationen dazu finden Sie unter Spaziergänge durch Lissabon.


Die Bildleiste oben zeigt v.l.n.r.:

Fernando Pessoa in Bronze des Bildhauers Lagoa Henriques, F. Pessoa im Alter von 20 Jahren, eine Grafik von Julio Pomar, F. Pessoa im Alter von 40 Jahren und ein Bild von Aldous Eveleigh, das im Eingangsbereich der Casa Fernando Pessoa hängt.