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Luaverde
Porträt
Pessoa
und seine imaginären Brüder
Ricardo
Reis, Alvaro de Campos und
Alberto Caeiro
Einst
ging er durch die traurigen Straßen Lissabons, traurig, wie sie für
ihn waren, schnellen Schrittes, fast schwebend über das Pflaster mit
seinen in Stein gehauenen Nixen, Wellen, Segelschiffen und anderen Chiffren.
Formvollendet gekleidet mit Hut und dunklem Mantel, oft eine Zigarette in
der Hand. Auf dem Weg zum Büro, zur nächsten Bar, zum Zeitungsladen,
zur Tabacaria, wo es oft auch beides gab, Tabak und Zeitungen.
Eine
dieser Tabakhandlungen, eine der vielen, die es bis heute in Lissabon
gibt, bildet den Bezugspunkt eines seiner großen Gedichte:
"Tabacaria". Ein Mann steht am Fenster und grübelt
über sich und sein vertanes Leben, gerät immer tiefer
in den Strudel seiner Selbstzweifel, die Vergänglichkeit seiner
selbst und aller Dinge reflektierend:
"Doch
der Besitzer des Tabakladens trat an die Tür und blieb an der
Tür ...
Er wird sterben und ich werde sterben.
Er wird das Ladenschild hinterlassen, und ich hinterlasse Verse.
Irgendwann verrotten dann das Ladenschild und auch die Verse.
Nach einiger Zeit stirbt die Straße, in der das Ladenschild
hing,
und die Sprache, in der die Verse geschrieben wurden.
Später stirbt dann der kreisende Planet, auf dem sich dies
alles zutrug."
bis
er sich schlussendlich, müde von all den zermürbenden
Gedanken, eine Zigarette anzündet:
"Ich
verfolge den Rauch, als wär's mein eigener Weg,
und genieße in einem feinfühligen, dazu passenden Augenblick
de Befreiung von allen Spekulationen
und das Bewusstsein, dass Metaphysik nur die Folge von Unwohlsein
ist.
Dann lehne ich mich auf dem Stuhl zurück
und rauche weiter.
Solange das Schicksal es mir erlaubt, will ich weiterrauchen."
Geschrieben hat dieses große Gedicht des 20. Jahrhunderts
eines der drei wichtigen literarischen Heteronyme Pessoas, Alvaro
de Campos. Er war die überbordende, futuristische und feurigste
der Dichterpersönlichkeiten Pessoas - und gleichzeitig guter
Freund und Vertrauter des schwermütigen portugiesischen Dichters.
Campos mischt sich sogar in die weitgehend platonisch bleibende
Beziehung Pessoas zu Ophelia Queiroz ein. Der Meister dagegen, Alberto
Caeiro, stirbt früh, im Alter von 26 Jahren an Tuberkulose.
Wenn
man sie sich genauer anschaut, so unterschiedlich sie aussehen und
auch sind, so könnten sie doch fast Pessoas Brüder sein:
Der Oden-Dichter Ricardo Reis ein Jahr älter als Pessoa, es
folgt 1889 Alberto Caeiro und als Jüngster 1890 Alvaro de Campos,
der allerdings anders als die anderen, in Tavira an der Algarve
zur Welt kommt, später aber als einziger mit Pessoa in Lissabon
lebt. Reis, der Monarchist, ist nach Brasilien ausgewandert, Caeiro
hat bis zu seinem frühen Tod an TB im fruchtbaren Ribatejo
gewohnt, auf dem Lande, zufrieden mit dem Leben, wie es war. Doch
nicht nur zufrieden, sondern im Einklang, heiter, vollkommen im
Jetzt lebend, ohne Sehnsucht nach einem schöneren, sonnigeren
Tag.
"Alle
Dinge, die wir sehen, müssen wir wirklich zum erstenmal sehen, weil es
ja tatsächlich das erste Mal ist, dass wir sie sehen. Und dann ist jede
gelbe Blume eine neue gelbe Blume, auch wenn es dieselbe von gestern ist ...
Schade, dass wir nicht Augen haben, um das zu begreifen, denn dann wären
wir wirklich glücklich", ließ Pessoa Caeiro
einmal sagen, im Gespräch mit Alvaro de Campos.
Die
anderen drei konnten dies nicht und so war er ihr Meister, der Meister, der
an Weisheit alle übertraf, der "schlecht Portugiesisch schrieb",
wie Pessoa befand, der von allen die niedrigste Bildung hatte, aber der all
dessen nicht bedurfte, um das zu können, was die anderen nur ganz unzureichend
konnten und worin sie jeden Moment zu versagen drohten: Leben.
Anders
als sie, litt er nicht an sich selbst. Sie alle haderten mit dem
Leben, zweifelten an sich und an allem, hatten Sehnsucht, etwas
anderes zu sein, oder gar nichts, wie Pessoa schreibt: "Meine
glücklichsten Stunden sind jene, in denen ich an nichts denke,
nichts will, nicht einmal träume, verloren in der Erstarrung
einer verfehlten Pflanze, nurmehr Moos, das auf der Oberfläche
des Lebens wächst."
Mit
fünf Jahren verliert er den Vater, der an Tuberkulose stirbt.
Die glückliche Zeit der Kindheit endet, die Unbeschwertheit,
Unbekümmertheit. Der Tod ist figürlich, wie bei den Romantikern,
nicht im Werk Pessoas präsent. Aber die Ungewissheit von allem
ist da, ein absolutes Fehlen an Sicherheit, an Verlässlichkeit
- letztlich ein Fehlen von Ruhe und Vertrauen in das Leben. Stattdessen
der große, bereits existenzielle Zweifel, die Gewissheit,
dass alles brüchig ist.
Ja,
und auch das Land Portugal selbst, seine Geschichte bestätigen diese
Brüchigkeit, mit dem Königsmord im Februar 1908 und der 1910
folgenden Republik mit zwanzig Aufständen und Staatsstreichen in
15 Jahren und dem Mord an einem der Präsidenten der Republik, Sidonio
Pais, und an dem Ministerpräsidenten António Granjo. Rund
325 Bomben explodieren allein in Lissabon zwischen 1920 und 1925. Die
Inflation ist gigantisch. Der Militärputsch 1926 markiert das Ende
der Republik. Es folgen 48 Jahre Diktatur.
Pessoa
führt mit minutiöser Genauigkeit sein Leben: tagsüber als Korrespondent
für die englisch- und französischsprachige Geschäftspost bei
verschiedenen Firmen in der Unterstadt, am längsten bei dem Juwelier
Moitinho in der Rua da Prata. Am späten Nachmittag nach der Arbeit geht
er ins Café "Martinho do Arcada", wo er schreibt, trinkt,
Freunde trifft. Sonntags ist das berühmte "Brasileira" im noblen
Viertel Chiado der Hafen, wo er mit Freunden wie dem Maler Almada Negreiros
an den Marmortischchen ankert, rauchend, trinkend, Ideen spinnend. Die berühmten
Tertúlias, literarische Stammtische.
Flussabwärts
liegt der Cais do Sodré, wo sich die Seeleute und Angestellten
der Schiffahrtsagenturen in Bars wie dem "O Americano"
und in der "British Bar" betrinken und vergnügen.
Auch Pessoa kommt hierher, kauft in der Rua do Arsenal die neu eingetroffenen
englischsprachigen Tageszeitungen. Sie ist für ihn eine der
traurigen Straßen, nah am Tejo, von dem an stürmischen
Tagen der Geruch salzigen Meeres herweht. Eine Straße mit
Stockfisch-Läden, die Regale prallvoll mit den steifen salzig-weißen
Fischleibern, die einen streng-beißenden Geruch verströmen,
der schon vor der Ladentür zu riechen ist, unverkennbar.
"An
den langen Sommerabenden liebe ich die Stille der Unterstadt, und
ich liebe sie dort um so mehr, wo sie im allergrößten
Gegensatz zum lärmenden Tagesgewühl steht. Die Rua do
Arsenal, die Rua de Alfandega, die Verlängerung der traurigen
Straßen, die sich ostwärts des Zollgebäudes erstrecken,
die unterbrochene Linie der ruhigen Kais - all das stärkt mich
in Traurigkeit, wenn ich mich an solchen Abenden in ihre Einsamkeit
eingliedere." (Buch der Unruhe)
Eine
seiner traurigen Straßen ist diese, wie es sein Lissabon war,
ein poetisches Gebilde, fragil und irdisch zugleich. Fragil, wie
es sich bei dem schweren Beben im 18. Jahrhundert gezeigt hatte.
In
der Kinderwelt des kleinen Fernandos haben die Beben und emotionalen Erschütterungen
noch keinen Platz. Er schaut vom elterlichen Balkon im vierten Stock auf das
Opernhaus São Carlos und hört die Glocken der Märtyrerkirche,
in der er auch getauft wurde. Später schreibt er: "Ich bin in einem
Dorf geboren, das ein Opernhaus hat". Und die Glocken der Märtyrerkirche
nennt er die Glocken seines Dorfes - kleine überschaubare Welt, in der
ein Kind noch einen sicheren Platz hat, alle und alles kennt und sich geborgen
fühlt.
Lissabon
- das war zugleich auch das Dorf gegenüber dem unermesslichen Ozean,
über den er im Alter von acht Jahren nach Südafrika reist, mit
der Mutter und dem Stiefvater, dem portugiesischen Konsul in Durban. Und
über den er im Alter von 19 Jahren endgültig zurückkommt,
um für immer in Lissabon zu bleiben. Zunächst im Haus seiner
Tante Anica, deren Sinn für spiritistische Sitzungen er teilt. So
wie er stolz ist auf den Ururgroßvater Sancho Pessoa da Cunha, der
Okkultist und Astrologe war und dafür während der Inquisition,
in einem milden Urteil, mit Enteignung bestraft wurde. Das familiäre
Erbe bringt auch bei Pessoa eine Seite zum Klingen. Intensiv beschäftigt
er sich mit Astrologie, erstellt sein eigenes Geburtshoroskop, ebenso
wie Horoskope für die Heteronyme, die Avantgarde-Zeitschrift "Orpheu"
oder das Land Portugal. Kleine Gewissheiten im großen Ungewissen?
Lissabon
wird Ausgangspunkt für Reisen in andere Galaxien. Mehr braucht
der Dichter nicht als diese Welt mit ihren Büros, Cafés
und Tabakläden als Fixpunkte, um von hier in alle Tiefen und
Höhen aufzubrechen, zu Euphorie und Verzweiflung und in die
entlegensten Räume der Phantasie und der Träume.
So
sagt Alberto Caeiro:
Ich bin nicht so groß wie ich bin, sondern so
groß wie das, was ich sehe.
Und
Alvaro de Campo:
Im Grunde reist man am besten, indem man fühlt. Alles auf jegliche
Weise fühlt.
Sie
beide gehören zu Pessoas Universum wie der kleine schwarze
Kaffee mit dem Glas Schnaps, der Wein und die Zigarette, wie das
Papier und die Feder, und die Traurigkeit. Sie sind dort zwischen
Rauch und Alkohol in der Intimität eines kleinen gemieteten
Zimmers geboren worden, Alberto Caeiro in einer Nacht im März
1914. Sie haben, imaginär wie sie waren, ihre Spuren in der
Stadt und in der Literatur hinterlassen, große endlose Gedichte
oder strenge, formal durchkomponierte Oden, wie sie Ricardo Reis
schrieb. Sie waren eine Familie, Brüder im Geiste, die ihr
Schreiben und Sein gegenseitig beobachteten und kommentierten. Pessoas
fehlende Brüder.
Und
während Lissabon den Stürmen des jungen Jahrhunderts und der jungen
Republik ausgeliefert ist, während sich der engste Freund Pessoas, Mario
de Sá Carneiro, 1916 in Paris das Leben nimmt, zieht sich der scheue
Dichter in seine fernen, ihm vertrauteren Welten der Literatur und des Schreibens
zurück, nimmt Zuflucht zu Flüchtigem wie Hochprozentigem.
Der Tag gehört der Arbeit, die Nacht seinen anderen Dimensionen.
"O
Nacht, deren Sterne Licht lügen, o Nacht, einzige Wesenheit,
groß wie das Weltall, mache mich mit Leib und Seele zu einem
Teil deines Leibes, damit ich mich verliere, bloße Finsternis
werde und ebenfalls Nacht, ohne Träume in mir wie Sterne, noch
das Hoffen auf einen Sonnenstrahl aus der Zukunft."
Wie in einem Gebet ließ er dies die Figur des Hilfsbuchhalters
Bernardo Soares im berühmten "Buch der Unruhe" sagen.
Caeiro
schrieb einmal, falls jemals jemand seine Biografie verfassen wolle: dies
sei ganz leicht: es gebe ein Geburts- und ein Todesdatum. "Alle Tage
dazwischen sind mein." Meinte dies nicht auch Pessoa? Zog er, der zu
Lebzeiten nur ein Bruchteil seines Werkes veröffentlicht hatte, seine
Berühmtheit vorausschauend, so bereits eine Grenze, zwischen dem, was
sein privates Leben, und dem, was sein Werk, war? Man sollte ihn, bitte auch
nach seinem Tode, für immer und ewig in Ruhe lassen. Da gäbe es
nichts zu sagen zu seinem Leben. Es gehöre, anders als die Literatur,
nicht der Öffentlichkeit.
Doch
natürlich durchdringt sich beides. Pessoa ist in seinem Werk
und sein Werk ist in ihm. Es ist ihn eingesickert, wie der Regen
durch den Riss in die Erde sickert und sie tränkt und nährt,
ja ihn selbst nach seinem Tode noch tränkt und nährt.
Da
gibt es das Erkenntnisinteresse der Pessoaforscher und da gibt es
eine von interessierter Neugier geleitete Leserschaft und eine Verlegerschaft,
die die sehr persönlichen "Briefe an die Braut" von
Pessoa an die elf Jahre jüngere Ophelia Queiroz herausgegeben
hat. Er redet sie darin mit Babylein, Schätzchen, Baby-Engelchen
oder auch Kindchen an. Und so können wir heute lesen, wie er
ihr neun Jahre später, 1929, schreibt: "Sollte ich jemals
heiraten, so nur Sie. Es bleibt offen, ob die Heirat, ein Heim (oder
wie immer man dies nennen mag) Dinge sind, die sich mit meinem gedanklichen
Leben vertragen. Ich bezweifle das." Die Einsamkeit ist da
bereits sein innigster Begleiter.
Kurz
war die Zeit unbeschwerter Liebe, die Ophelia, eine junge Frau von 19 Jahren,
unbefangen als Liebelei bezeichnet, was ihn verdrießt hat. "Nenn
es nicht Liebelei, wir lieben uns," tadelt er sie einmal. Einige Monate
währt das schwebende Glück - und einen innigen, leidenschaftlichen
Kuss. Dann bricht alles ab. Die Geliebte bleibt ihm treu, bis er stirbt. Erst
dann lässt sie die Hoffnung fahren und heiratet einen anderen.
Und
er? Etwa einen Monat, bevor er stirbt, lässt er Alvaro de Campos
schreiben:
"Alle
Liebesbriefe sind lächerlich.
Sie wären nicht Liebesbriefe, wären sie nicht lächerlich
....
... Was gäbe ich um die Zeit, in der ich, ohne es zu bemerken,
Liebesbriefe verfasste, lächerliche."
Am
Abend des 30. Novembers 1935 stirbt er in einem Krankenhaus im Lissabonner
Stadtteil Bairro Alto, 47 Jahre alt, an Leberzirrhose. Nein, nicht
der Alkohol war's. Das Leben war's, das Schicksal, die Einsamkeit!
Simone Klein
Im
Kreuzgang des Hieronymus-Klosters, wo Pessoa seit 1985 bestattet ist,
wird auch der Heteronyme gedacht. Mit einer Stele, auf der je ein Gedicht
von jedem von ihnen zu lesen ist.
Das Gesamtwerk Pessoas wird auf Deutsch im Ammann-Verlag herausgebracht.
Die Zitate im Text stammen aus den im Ammann-Verlag erschienenen Büchern
des Gesamtwerks Fernando Pessoa.
Die
Bildleiste oben zeigt v.l.n.r.:
Fernando Pessoa in Bronze des Bildhauers Lagoa Henriques, F. Pessoa im
Alter von 20 Jahren, eine Grafik von Julio Pomar, F. Pessoa im Alter von
40 Jahren und ein Bild von Aldous Eveleigh, das im Eingangsbereich der
Casa Fernando Pessoa hängt. Die Fotografien, die Grafik, die im Text
abgebildete Schreibmaschine und die Brillen Pessoas finden sich in der
Casa Fernando Pessoa und im Restaurant "Martinho do Arcada"
an der Praça do Comércio. Die Casa Fernando Pessoa, Museum
mit Bibliothek, in der Rua Coelho da Rocha in Lissabon ist montags bis
samstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
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