Luaverde:
Portugal literarisch entdecken
Romane,
Erzählungen und Tagebücher sind Reiselektüre anderer Art. Diese hier
versprechen zugleich Lesegenuss.
Eine
seetüchtige Stadt
Dieses
Buch von José Cardoso Pires macht Lust, sofort nach Lissabon zu fahren.
Es ist eine letzte Liebeserklärung des Schriftstellers an seine Stadt,
an ihre Dichter, Trunkenbolde, Kneipen, U-Bahn-Stationen, an das Straßenpflaster
Lissabons und an verschwiegene Plätze. Für Pires war sie nicht nur die
Stadt des Lichts, sondern auch eine Stadt, bereit in See zu stechen.
Das Logbuch ist ein wunderbarer Begleiter, geschrieben von einem Mann,
der Lissabon geliebt und seine Geliebte jeden Tag aufs Neue mit wachem,
zärtlichem und auch verschmitztem Blick angeschaut hat.
José
Cardoso Pires: Lissabonner Logbuch. Stimmen, Blicke, Erinnerungen.
Carl Hanser Verlag, ISBN 3-446-19162-3
Eine
Verabredung mit Fernando Pessoa
Der
letzte Sonntag im Juli. Ein Mann hat eine Verabredung in Lissabon. Die
Stadt ist leer, die Bewohner sind vor der drückenden Hitze an die Strände
geflüchtet. Nur wenige Menschen harren aus: ein drogenabhängiger Junge,
der Barkeeper des Museums für Alte Kunst, ein Lotterieverkäufer, der
Maitre der Casa do Alentejo. Und natürlich auch der Friedhofswärter
und die Toten. Ihnen begegnet der Ich-Erzähler, der um Mitternacht Fernando
Pessoa teffen will. Dieses Lissabon ist ein Gewebe aus Vergangenheit
und Gegenwart, bevölkert von Lebenden und Verstorbenen. Nicht umsonst
heißt das Werk "Lissabonner Requiem". Doch es wäre kein Werk von António
Tabucchi, wäre es nicht auch ein Lobgesang auf die erdige portugiesische
Küche und eine köstliche Parodie auf die "Nouvelle Cuisine". Ein sinnliches
wie auch intellektuelles Vergnügen.
António
Tabucchi: Lissabonner Requiem. Carl Hanser Verlag 1994, ISBN 3-446-20173-4
Zu
den Werken von Fernando Pessoa
Fast
ein Jahrhundert entfernt
Diese
Reise durch Portugal wurde zu einer Zeit unternommen, als es organisiertes
Reisen im Stil des Massentourismus noch gar nicht gab. Reinhold Schneider
reiste 1928 von Porto aus über Lissabon nach Evora. In seinem Tagebuch
hielt der Schriftsteller, der 1956 mit dem Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels ausgezeichnet wurde, Begegnungen, Beobachtungen und Eindrücke
fest. Ein äußerst subjektives Dokument, in das Schneider Historie
und Kulturgeschichte des Landes eingewebt und reflektiert hat. Im
Herbst 1956 besuchte Schneider Portugal ein zweites Mal. Diese Eindrücke
ergänzen in der Neuerscheinung von 1984 die Aufzeichnungen von 1928.
Wenn man sie heute liest, blickt man zurück in eine andere, ferne
Zeit. Und erkennt zugleich einiges aus diesen Beschreibungen doch
wieder: das, was zeitlos, unvergänglich ist. Eben portugiesisch.
Reinhold
Schneider: Ein Reisetagebuch. Suhrkamp Taschenbuch 1984, ISBN 3-518-37573-3
Hoffnung
im Alentejo
Eines
der Meisterwerke von José Saramago. Es beschreibt das Leben einer Landarbeiterfamilie
vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 70er Jahre hinein. Ein bitteres
Porträt Portugals aus der Zeit der Diktatur, der extremen Kluft zwischen
Großgrundbesitzern und Tagelöhnern, des Bündnisses zwischen Kirche und
Macht. Saramago beschreibt dieses Szenario ohne Pathos, aber mit der
ihm eigenen Bildmagie und aus der Perspektive der Unterdrückten. Beeindruckend
ist die Schilderung der Folterszene im Gefängnis der Geheimpolizei Pide,
sehr langsam und detailliert beschrieben aus der Sicht einer Ameise.
Gefoltert wurde, weil die Tagelöhner für einen etwas höheren Hungerlohn
gestreikt hatten. Saramago hat mit "Hoffnung im Alentejo" ein Stück
Geschichte von unten geschrieben, eines, das zum tieferen Verständnis
Portugals beiträgt. Und das in einer großartigen Sprache.
José
Saramago: Hoffnung im Alentejo. Rowohlt Taschenbuch 1987, ISBN 3-499-22302-3
Schweigen
und Tabus
Für
"Die Decke des Soldaten" wurde Lídia Jorge unter anderem mit dem Preis
des portugiesischen Pen-Clubs, dem Dom Dinis-Preis und dem Máxima de
Literatura-Preis geehrt. Der Roman porträtiert eine Bauernfamilie im
Algarve von den 40er bis in die 70er Jahre hinein, eingeschnürt in ein
Korsett aus Verhaltensregeln, Tabus und Schweigen. Lídia Jorge beobachtet
den Patriarchen und seine Familie, die Söhne, die nach und nach den
Hof verlassen und in die Neue Welt auswandern, und damit dem jüngsten
Bruder Walter folgen. Er gilt als Frauenheld, rebelliert gegen den harten
Vater und bricht als erster auf in ferne Länder. Der einzige Sohn, der
auf dem Hof bleiben wird, heiratet die junge Maria Ema, die von Walter
schwanger ist. Die Tochter soll niemals erfahren, dass Walter ihr Vater
ist. Doch sie weiss es die ganze Zeit und konstruiert sich aus den wundervollen
Vogel-Zeichnungen, die Walter aus aller Welt schickt, ein Bild von ihm.
Und dann kommt er zurück und sucht heimlich in einer Regennacht seine
"Nichte" auf. Lídia Jorge hat hier ein Werk von faszinierender Intensität
geschrieben, das der Langsamkeit bedarf, um die tragische Dimension
der in ihrem Schweigen erstarrten Personen vollends zu enthüllen. Es
ist die Macht des Schweigens und der Tabus, die scheinbar Familien zusammenhält.
Doch zugleich bewirkt dieses Schweigen eine emotionale Erstarrung. Und
alles, was wichtig wäre, bleibt ungesagt.
Lídia
Jorge: Die Decke des Soldaten. Suhrkamp 2000, ISBN 3-518-41183-7
Schrift
der Erde: Zum Tod des großen Dichters Eugenio de Andrade
Seine
Dichtung hat etwas so Leuchtendes, dass sie auch über seinen
Tod weit hinaus strahlen wird. Selbst die Dunkelheit schenkt in den
Gedichten von Eugenio de Andrade noch Licht und Wärme, so scheint
es. Seine Gedichte sind aus Erde gemacht, aus Licht, Wellen, Wasser,
aus dem, was er berührt, ertastet, erspürt hat. So hat er
die Beschaffenheit eines geliebten Körpers ertastet, die der
Wörter, die von Früchten und Vögeln, und letztlich
auch die Beschaffenheit des Todes. Am 13. Juni 2005 ist Eugenio de
Andrade im Alter von 82 Jahren in seinem Haus mit Blick auf den Douro
gestorben, an Herzversagen, gegen 4 Uhr morgens. "An einem Morgen
im Juni werde ich gehen, das letzte Mal. Gehen, ohne zu wissen, wohin
die Straße führt." Dies schrieb er in "Materia
Solar" (1980). Eine Auswahl seiner zwischen 1948 und 1995 publizierten
Gedichte wurde 1997 vom Carl Hanser Verlag veröffentlicht.
Eugenio
de Andrade: Stilleben mit Früchten. Ausgewählte Gedichte.
Aus dem Portugiesischen übertragen und mit einem Nachwort versehen
von Curt Meyer-Clason. Carl Hanser Verlag 1997, ISBN 3-446-19096-1
Reiseführer
und Reiseinformationen:
Aktuelle Informationen und Wissenswertes für Ihren Portugalaufenthalt
finden Sie auf der Website
von Johannes Beck, der die beiden Reiseführer "Lissabon
und Umgebung" und "Lissabon" (Michael Müller Verlag)
geschrieben hat.
Die
Bildleiste oben zeigt:
den Torre de Belem, Lissabon, © Antonio Sacchetti
Castelo de Vide, © João
Paulo
Azenhas do Mar, © José Manuel
Mandelblüte im Algarve, © RTA und
das Kloster São Vicente de Fora, Lissabon, © José
Manuel
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